Und wenn mir sterbet, sterbet mir für Dii!

Veröffentlicht am 10. August 2026 um 15:43

Noch nie war dieser Satz so passend, wie für die anstehende Reise nach Tiraspol. Das Eidgenössische Department für auswärtige Angelegenheiten, kurz EDA, rät von Reisen nach Transnistrien ab. Ebenso können vom Ukraine Krieg fehlgeleitete oder abgeschossene Drohnen oder Raketenteile abstürzen. Doch wieso lässt die UEFA dieses Spiel in Tiraspol zu?

Bekanntlich ist Moldawien zweigeteilt. Innerhalb vom moldawischen Gebiet gibt es eine Grenze. Hinter dieser Grenze liegt Transnistrien mit der Hauptstadt Tiraspol. Dort soll das nächste Spiel um den Einzug in die Ligaphase der Conference League für unseren FC St.Gallen stattfinden. Der Ausdruck Transnistrien ist vor Ort verboten, korrekt heisst dieses Land im Lande Moldawien Pridnestrowische Moldauische Republik (PMR).

Dass ich da hinreisen werde, stand eigentlich nie zur Diskussion, trotz allen Sachen, die im Internet zu lesen waren und davon abrieten. Ich selbst war vor 19 Jahren bereits in Moldawien. Damals spielte unser FCSG in der Hauptstadt Chișinău gegen Dacia Chișinău im UI Cup. Im Juli 2007 war dies zum Teil eine Herausforderung in Sachen Verständigung und auch bezüglich der Bezahlung. Unsere westlichen Karten gingen da an keinem Geldautomaten, und, und, und…

Was hat sich seither in Moldawien verändert? Wir flogen am Mittwoch via Wien nach Chișinău. Damals noch ohne Taxi-Apps, heute bequem ein Taxi geordert. Das Zentrale der nächsten Tage: Taxifahren mit vielen Erlebnissen, Biertrinken und in der extremen Hitze leiden.

Die Verständigung ist immer noch ein Problem. Russisch sprechen gefühlt alle, Rumänisch gilt als Landessprache, mit der jüngeren Generation lässt es sich auf Englisch unterhalten. Doch ein Bier haben wir noch immer erhalten. Die St.Galler Fraktion wurde von Stunde zu Stunde immer grösser, die Rechnungen für Speis und Trank dagegen blieben beschaulich, dies war aber eher den tiefen Preisen geschuldet.

Dann kam er, der Spieltag in Tiraspol. Der Grossteil der St.Galler Fans fuhr per organisiertem Bus von Chișinău in die Pridnestrowische Moldauische Republik. Unsere Sechser Gruppe entschied sich, dass wir bereits am Morgen dieses Land im Lande anschauen wollen. So gings per Taxi App auf Taxisuche. Wir merkten sofort, dass da nie der Preis zu bezahlen ist, welcher die App vorgibt. Da wird dann noch verhandelt mit Handzeichen. Unsere Dreiergruppe einigte sich auf 800 Moldawische Leu für die 90 minütige Überfahrt - weniger als 40 Franken. Bei der anderen Gruppe wollte der Fahrer 1200 Leu. Man einigte sich dann auf 1000. An dieser ominösen Grenze einwenig Stau. Wir gaben den Pass ab und mussten sagen, wie lange wir bleiben werden. Nach kurzer Zeit gab uns die Hand am abgedunkelten Schalter unsere Pässe zurück mit einer Art Kassabon. Darauf standen in kyrillischer Schrift unsere Personalien, der Grund der Reise (Tourismus), wie lange wir bleiben dürfen, sowie die Autonummer von unserem Taxi. Das wars bereits und schon landeten wir in einer anderen Zeitepoche. Willkommen in der UdSSR, willkommen in den 80er Jahren. Die russische Armee war an der Grenze kurz sichtbar, sowie an einem Checkpoint vor einer Brücke. Ab sofort war das Internet praktisch weg, die Beschriftung in kyrillischer Schrift und das Zahlungsmittel, was man nirgendwo wechseln kann, ausser in Transnistrien selbst, heisst transnistrischer Rubel.

Die Hitze in Tiraspol kaum zum Aushalten. Bald kam auch das zweite Taxi an. Bei denen lief die Reise nicht so gut. So wollte der Taxifahrer bei der Grenze weitere Geldscheine, ansonsten würde er nicht mehr weiterfahren. In diesem Niemandsland wäre es nicht gut gekommen, wenn die Reise nicht weitergegangen wäre, so gaben sie dem Fahrer weitere 200 Leu. Bei einem Markt konnten wir Geld besorgen. Euros gegen die heimische Währung. Nach ein bisschen Sightseeing fanden wir ein georgisches Restaurant. Den Halbliter Bier bekamen wir für umgerechnet Fr.1.80, dagegen wurde für ein 2,5dl Cola der höhere Preis bezahlt. Das kalte, billige Bier, das klimatisierte Restaurant und das feine Essen versus die Hitze und bisschen weitere sowjetische Sachen angucken. Wir entschieden uns für die erste Variante.

Das Stadion lag ausserhalb der Stadt. Wir entschieden uns dann mit der grossen Masse an St.Galler Fans zum Stadion zu fahren, welche mittlerweile auch in Tiraspol eingetroffen waren. Zumal wir auf dem Rückweg nach dem Spiel auch unsere Plätze im Bus hatten.

Danach kam für mich der einzig mulmige Moment auf dieser Reise: Die Einlassphase zum Stadion. Im Vorfeld kursierten Geschichten von anderen Clubs, welche sich in einem Zelt ausziehen mussten und siehe da, vor dem Stadion standen so eine Art Umkleidekabinen, in denen Sicherheitskräfte auf uns warteten. Auf dem Parkplatz einige Sicherheitskräfte, wie wir sie aus Moskau kennen mit ihrem Kastenwagen, welcher offen stand, sodass man die Eisentore zu den einzelnen Zellen im Wagen ansehen konnte. Da wollte definitiv niemand landen. Oder war das eine Art Einschüchterung? Jeder einzelne Fans wurde in dieser Umkleidekabine untersucht. Wie genau? Bei allen wurde ein anderes Schema angewandt. Ich selbst musste alle Sachen, welche ich in der Hosentasche hatte, offenlegen, dann wurde ich abgetastet und mit einem Metalldetektor kontrolliert - das wars. Anderen wurde noch in die Schuhe gegriffen oder mussten die Schuhe ganz ausziehen.

Im Sektor drinnen eine Art Balkon mit einer Tür zu unserem Block. Auf den Bänken sassen 30 bis 40 Sicherheitskräfte, die sofort bereit gewesen wären in unseren Sektor zu stürmen, wenn da was passiert wäre, was ihnen nicht gepasst hätte. Im Sektor selbst weitere 4 bis 5 Sicherheitskräfte. Das Spiel begann, die erste Halbzeit ging torlos aus, auf beiden Seiten hätten aber locker je drei Tore fallen können. Überraschenderweise wurde im Stadion Bier verkauft. Der Becher Bier für 5 Euro. Man munkelt, dass im Gästesektor mehr Geld umgesetzt wurde, als auf allen anderen Tribünen zusammen. Das Bier wurde aus einer Dose oder einer 1,5 Liter Petflasche in Becher umgeleert. Da war am Anfang dreiviertel Schaum im Becher. In der zweiten Halbzeit kamen dann auch die Tore. Wir gewannen mit 1:3 und dürfen uns sehr grosse Chancen ausrechnen, dass wir eine weitere Runde Europacup spielen dürfen.

Nach dem Spiel ging es mit den drei Bussen zurück nach Chișinău. Sprich in die Hauptstadt Moldawiens. Der Grenzübertritt diesmal ohne Kontrolle. Für die Ersten stand bereits die Frage an: Wie gelangen wir zum Flughafen, die Heimreise beginnt bald. Wir widmeten uns dem Biertrinken bis in die Morgenstunden. Unser Rückflug war erst für den Samstagnachmittag geplant.

Ab sofort waren wir nur noch zu Dritt unterwegs. Am Freitagnachmittag hatten wir eine Führung in einem Weingut gebucht. Etwas über 20 Kilometer ausserhalb von Chișinău lag das Weingut Mileștii Mici. Auch da wieder Diskussionen mit dem Taxifahrer, diesmal mit seinem Handy und seiner Übersetzungsapp. Er hätte danach einen Leerweg zurück in die Hauptstadt, wir müssen ihm für das was bezahlen. Ab sofort haben wir auch aufgehört, den Taxifahrern eine wahrheitsgetreue Antwort zu geben, woher wir kommen, beim Wort Switzerland hatten die immer die Dollarzeichen in den Augen und komische Ideen an weiteres Geld zu kommen.

Auf dem Weingut angekommen wartete eine grandiose Führung. Da waren über 200 Kilometer unterirdische Gänge, wovon 55 Kilometer für die Weinlagerung genutzt wird. Für zwei Stunden der Wärme entkommen und viel Interessantes erfahren. Da lagern Weine, welche das Produktionsjahr 1986 aufweisen, andere mit einem Wert der Flasche von über 1’000 Franken. Die Führung von Keller zu Keller und anderen interessanten Teilen der Lagerung erfolgt im Keller mit dem Golfcart. Nach der Führung durften wir fünf verschiedene Weine degustieren, sowie einen Viergänger mit einheimischem Essen geniessen.

Doch wie kamen wir danach vom Weingut wieder weg? Taxis waren nur wenige in der Nähe. Zwei weiteren St.Galler gelang es, ein Taxi zu ordern. Wir durften bei denen ins Taxi hocken. Herzlichen Dank nochmals dafür! Auf der Rückbank zu viert, sehr eng. Auf der Strecke in die Hauptstadt stand für uns ein Fussballspiel der zweiten moldawischen Liga auf dem Programm. Doch erst mussten wir dem Fahrer erklären, dass wir auf halber Strecke rauswollen. Diesmal half ein Telefonat mit einer englisch sprechenden Person, welcher dem Fahrer unsere Wünsche ins Russische übersetzte.

Das Spiel zwischen dem FC National Ialoveni und dem FC Oguz war auf 18.00 Uhr angesetzt. Bis dahin wollten wir uns nach dem Wein mal wieder dem Bier widmen. Doch in diesem Ialoveni ein Restaurant zu finden war schwierig. So zogen wir den Besuch im Supermarkt vor. Schön klimatisiert und eine schöne Auswahl an Biersorten mit einer kleinen Sitzgelegenheit. Was will man mehr?

Das Stadion war nahe am Supermarkt. Am Eingang standen zwei jüngere Männer, die Englisch sprachen.
Was kostet der Eintritt? Ihr könnt geben, was ihr möchtet, damit unterstützt ihr unseren Verein.
Habt ihr Getränke? Nein! Dürfen wir im Supermarkt welche holen? Ja!
Habt ihr ein WC? Ja, aber geht besser im Supermarkt!
Das Spiel auf Kunstrasen war auf bescheidenem Niveau. In der ersten Halbzeit war die Heimmannschaft dem Tor näher, in der zweiten Halbzeit traf die Gastmannschaft zweimal zum Endstand von 0:2. Während die anderen Beiden die Halbzeit für das Kaufen von neuen Getränken im Supermarkt nutzten, wollte ich das WC testen. Ganz hinten bei den Kabinen, ein kleines Häuschen mit zwei Eingängen. In beiden Räumen ein Loch in der Mitte. Nun war klar, wieso das Supermarkt WC gescheiter war. Das Spiel besuchten so 250 Leute.

Nach dem Spiel konnten wir schnell ein Taxi in die Hauptstadt buchen. Diesmal ohne irgendwelche Diskussionen. Am Schluss wünschte uns der Fahrer gar einen schönen Abend und verabschiedete sich mit «Auf Wiedersehen». Ich habe ihn dann gefragt, wieso er Deutsch spreche. Er meinte, dass er damals mit der sowjetischen Armee in Frankfurt an der Oder stationiert war. Diesmal waren wir uns einig, dass wir nicht mehr die ganze Nacht durchzechen und früher schlafen gehen. Danach stand der Samstag an. Mein Körper überall verstochen. Hatte ich die letzten Tage mein Bett mit Bettwanzen geteilt?

Am Samstag begaben wir uns in Richtung Bahnhof. Da stand der Zug nach Kiew abfahrbereit. An jedem zweiten Tag soll jeweils ein Zug Chișinău in Richtung Ukraine verlassen. Knapp 18 Stunden dauert die Fahrt nach Kiew und kostet umgerechnet 40 bis 75 Euro, je nach Klasse. Und da kommen eben doch im Kopf Gedanken hoch, dass der Krieg nah ist. Als wir in Tiraspol waren, hatte ich aus Jux meinen Kollegen gesagt, dass wir nur 115 Kilometer fahren müssten, um den Länderpunkt Ukraine zu machen. Am Wochenende würde der FC Chornomorets Odessa spielen. Dass dann nur Stunden später die Meldung kam, dass das Stadion mit Raketen angegriffen wurde, zeigte einmal mehr, dass wir da sehr nahe am Krisengebiet waren. Trotz dieser Nähe zum Krieg, hatte ich nur beim Einlass zum Stadion, aber aus anderen Gründen, ein mulmiges oder unsicheres Gefühl. Jederzeit fühlte ich mich sicher. Die Städte waren alle sauber. Nach einer Reise nach Frankfurt, Brüssel oder Marseille würde ich dies weniger behaupten um mal dem Klischee entgegenzuwirken: Der Osten ist kriminell und gefährlich. Das stimmt definitiv nicht, selbst in St.Gallen läuft mehr Gesindel rum.

Vor 19 Jahren hatten wir unser Hotel in der Nähe vom Bahnhof, da war es mein Wunsch nochmals in dieser Umgebung in alten Erinnerungen zu schwelgen. Das Hotel von damals, der grosse Sowjetbau mit der Aufschrift «Cosmos» steht noch, ist aber nicht mehr im Betrieb, sondern eher einsturzgefährdet. Nach diesem Rundgang in dieser Region der Stadt, stand die letzte Taxifahrt an. Diesmal hatten wir uns als Österreicher ausgegeben. Auf einmal landeten wir an einer Tankstelle, der Fahrer stieg aus, das Auto liess er im Leerlauf laufen. Er musste schnell zur Toilette. Doch danach wieder auf die vielbefahrene Strasse zurück, war nicht so einfach. Linksabbiegen war nicht gestattet, zum Flughafen ging es aber nach Links. Wieder verliess der Fahrer das Auto und rannte diesmal weg. In der Nähe war eine Ampel für Fussgänger. Er drückte da mal den Knopf, dass die Fussgänger Grün kriegten und so der ganze Verkehr gestoppt wurde. Wieder zurück im Auto zeigte er auf seinen Kopf und meinte: Genie! Nun konnten wir links abbiegen.

Die Rückreise verlief danach ohne weitere erwähnenswerte Geschehnisse. Im Ganzen definitiv eine Reise, die uns lange in den Köpfen hängen bleibt mit sehr vielen Erlebnissen.

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